8. Dezember 2003: Feierstunde im Landeshaus, Kiel
Grußwort: Dr. Reinhard Goltz, Sprecher des Bundesrates für Niederdeutsch
Verehrte Frau Ministerpräsidentin, Herr Landtagspräsident, meine Damen und Herren, geehrter Herr Schulz, leve Fro Schnack,
wo spricht man das beste Plattdeutsch? Wenn man diese Frage in Norddeutschland stellt, dann fallen die Antworten recht einhellig aus. An der Küste - heißt es. Und: ganz im Norden. Ja, Schleswig-Holstein gilt für das Plattdeutsche als eine Art Kernland: Zum einen, weil hier noch vergleichsweise viel Platt gesprochen wird, zumindest an der Westküste und im Landesteil Schleswig. Zum anderen, weil sich hier die staatlichen Maßnahmen zum Schutz des Plattdeutschen in vorbildlicher Weise entwickelt haben. Und ich kann Ihnen versichern, dass die anderen Bundesländer genau beobachten, was hier alles in Gang gesetzt wird. Und vor allem: wie es in Gang gesetzt wird.
Wenn wir zurückblicken, so stellen wir mit Dank und Anerkennung fest, dass mit Kurt Hamer und Kurt Schulz und nun mit Renate Schnack drei Personen das Amt des bzw. der Minderheitenbeauftragten der Ministerpräsidentin wahrgenommen haben, die mit Nachdruck, mit taktischem Geschick und aus Überzeugung große politische Ereignisse in Gang gebracht und begleitet haben: die Aufnahme des Niederdeutschen in die Landesverfassung und die Unterzeichnung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Jetzt geht es darum, das Papier, den Gesetzestext mit Leben zu füllen. Denn nur so - nur wenn die staatlichen Maßnahmen auch in den Alltag eingehen, konkret Einfluss auf die Lebenspraxis der Menschen hier im Norden haben, nur dann wird unser Tun erfolgreich sein. Der schwerste und auch der weniger spektakuläre Teil des Weges liegt noch vor uns.
Die Plattdeutschen kamen erst später, 1992, unter die Obhut des Minderheitenbeauftragten. Diese Ausdehnung war Ergebnis eines Bewusstseinswandels. Sie stellte Platt auf eine Stufen neben die anderen autochthonen Sprachen im Land. Gleichzeitig war klar, dass die Sprecher des Plattdeutschen eben nicht als "Minderheit" zu verstehen sind, sondern als Sprecher einer Regionalsprache. Welche Rechte und welche Pflichten sich aus diesem bis heute unscharfen Begriff der Regionalsprache ergeben, vermögen wir noch nicht abzusehen. Wir wissen nur: gerade bei dem fraglos notwendigen Auseinanderhalten von Minderheitensprache und Regionalsprache laufen die Plattdeutschen wiederum Gefahr, als Sprecher einer zweit- oder drittrangigen Sprachform abgestempelt zu werden und aus den Förderungsnetzen herauszufallen.
Plattdeutsch ist schon längst kein Sondergebiet mehr, keine Sperrzone für rückwärtsgewandte Sprachpflege. Plattdeutsch hat in der Geschichte des Landes eine große Rolle gespielt. Und Plattdeutsch spielt auch gegenwärtig für die Kultur im Land eine bedeutende Rolle. Der Staat erkennt ausdrücklich den kulturellen Wert der Regionalsprache an, woraus wiederum eine Aufgabe für die Schulen erwächst. Und zwar genau so wie für Musik, Geschichte oder Fremdsprachen. Es geht also darum, in unseren Schulen Wissen über Platt zu vermitteln, un wenn't geiht ok: dat Plattdüütsche verstahn. An'n besten noch: Platt sülvst snacken.
Zentrale Aufgabe für die nächsten Jahre ist und bleibt: dafür zu sorgen, dass das Niederdeutsche an die nachwachsenden Generationen weitergegeben wird. Kindergarten und Schule sind hier gefordert. Das gilt auch und gerade in einer Zeit, in der "Globalisierung" zum Zauberwort geworden ist. Selbstverständlich müssen wir heute alle Englisch können. Das ist nun einmal die Sprache für den weltweiten Austausch. Doch der Blick in die Welt geschieht immer aus der eigenen Region heraus: vun dor, wo ik mi utkennen do, wo ik to Huus bün. Plattdeutsch ist unverzichtbarer Teil unserer Landeskultur.
Niederdeutsch mag ja einzigartig sein, Parallelen aber gibt es in ganz Europa. Wenn wir nun aber Niederdeutsch im Konzert der europäischen Kleinsprachen und Dialekte sehen und damit die Vorzüge kultureller Vielfalt und Vielschichtigkeit betonen, dann ergibt sich von selbst, dass wir dies ernsthaft und kreativ betreiben. Unsere Kinder brauchen keinen verklärten Blick auf Platt. Sie brauchen einen selbstbewussten, selbstverständlichen und vor allem: lustvollen Umgang mit dem Niederdeutschen. Grundvoraussetzung ist allerdings eine qualitativ ansprechende Ausbildung der Lehrer an den Hochschulen. Und auch hier liegt noch ein langer Weg vor uns.
Wenn sich der Staat für das Niederdeutsche einsetzt, dann tut er genau das, was die Bürger von ihm erwarten: der Staat unterstützt die Bevölkerung. Weil sich das sprachliche Geschehen aber nicht in der Politik entwickelt, kann der Staat nur für günstige Rahmenbedingungen sorgen. Klar ist: der Löwenanteil plattdeutscher Kulturarbeit vollzieht sich im Kleinen, in den Dörfern und Städten, in den Speelkoppels, beim Schleswig-Holsteinischen Heimatbund. Überregional auch in dem von vier Ländern getragenen Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen sowie dem Bundesrat für Niederdeutsch, in dem acht Bundesländer vertreten sind. Trotz aller Bildungshoheit der Länder: ein sprachenfreundliches Klima darf nicht an der Landesgrenze enden. Auch hier ist ein Umdenken erforderlich: Denn die Einbindung der Plattdeutschen in komplexe politische und sprachplanerische Prozesse - sei es nun in Brüssel, Bonn oder Berlin - macht eine Beteiligung des Bundes an der Finanzierung plattdeutscher Kulturarbeit unabdingbar. Eine Aufgabe, bei der die Plattdeutschen auf Unterstützung durch die Länder rechnen.
In ganz Norddeutschland sprechen 8 Millionen Menschen Plattdeutsch - allein in Schleswig-Holstein sind es gut 1,3 Millionen. Es gibt ja Zungen, die behaupten, die Plattdeutschen hätten es im politischen Geschäft leichter, wenn sie nur noch ein paar Tausend zählten. Ich meine: an der Größe dieser beiden Zahlen lässt sich auch der Stellenwert der niederdeutschen Kultur für den Norden ablesen.
Ob durch unsere gemeinsamen Anstrengungen der Rückgang des Niederdeutschen aufgehalten werden kann, ist unklar. Wir haben aber gute Gründe dafür, alles dafür zu tun, dass auch noch in 50 oder 100 Jahren der Satz gilt: das beste Platt spricht man ganz im Norden.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, Frau Schnack, und Ihrem Amt für die Zunkunft Mut, Kraft und Durchhaltevermögen. Un vergeet Se nich: Snacken köönt wi all - man Doon is'n Ding!
Dr. Reinhard Goltz, Sprecher des Bundesrates für Niederdeutsch